Immer mehr Entbindungshelfer*innen ziehen sich aus der Geburtshilfe zurück. Ein Beispiel: Aufgrund Personalmangels mussten 2019 in Eichstätt und Schweinfurt an Weihnachten vorübergehend sogar die Kreissäle geschlossen werden. Gleichzeitig erlebte Bayern 2019 mit 128.277 lebend geborenen Kindern die höchste Geburtenrate seit 22 Jahren. Die Brisanz, die in diesen gegensätzlichen Trends steckt, ist offensichtlich.
Extremposition macht krank
Umso wichtiger ist es, dass diejenigen Personen, die sich für den Beruf als Entbindungshelfer*in entscheiden, diesen möglichst lange und frei von Beschwerden ausüben können. Die Zahlen sprechen gegenwärtig allerdings eine andere Sprache: So leiden ca. 70 Prozent der Geburtshelfer*innen unter berufsbedingten Erkrankungen des Bewegungsapparats und etwa 30 Prozent mussten aus diesem Grund auch schon einmal krankgeschrieben werden. Ursächlich hierfür sind unter anderem die Extrempositionen, in die sich die Geburtshelfer*innen bei der Unterstützung des Geburtsprozesses begeben müssen. Bei der Geburt ist nämlich der manuelle Dammschutz – eine Grifftechnik, bei der zu seiner Unterstützung Kraft auf den Damm ausgeübt wird - von entscheidender Bedeutung, um das Risiko eines Dammtraumas um bis zu 70 Prozent zu reduzieren. Dieser Zwiespalt zwischen dem Schutz des eigenen Bewegungsapparates und eine damit einhergehende möglichst schmerzfreie weitere Ausübung des Berufs und der Unterstützung der werdenden Mutter und des Kindes soll mit Hilfe dieses Projektes weitgehend beseitigt werden.
Mutter, Kind und Entbindungshelfer*in im Blick
Dafür wird ein innovatives digitales Schulungstool entwickelt, das den Verwender*innen aufzeigt, welche Auswirkung das jeweilige Tun auf den Unterleib der werdenden Mutter und das Neugeborene hat, zugleich aber auch Hinweise darauf gibt, wie stark der eigene Bewegungsapparat belastet wird. Die aktuelle Durchführung wird dabei von modernen Kameras aufgenommen im Hintergrund KI-basiert mit einem Ideal, das sich in einer Vorstudie basierend auf virtuellen Menschmodellen als optimal für alle Beteiligten erwiesen hat, in Beziehung gesetzt. So erhalten Nutzer*innen umgehend Live-Feedback, falls sie gerade etwas besser machen könnten.
Die entwickelten Modelle können über den Kontext des Projekts hinaus auf eine Vielzahl von ergonomischen Fragestellungen angewendet werden. So könnte das entwickelte System zum Beispiel dazu genutzt werden, Übungen im Rahmen von Rehabilitationsmaßnahmen auch ohne ärztliche Aufsicht gesichert richtig durchführen zu können.
Das Projekt ist die Fortsetzung einer erfolgreichen Kooperation zwischen der Westböhmischen Universität Pilzen, der Karls-Universität Prag und der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (OTH Regensburg). Zusammen mit den tschechischen Partnern hat sich das Labor für Biomechanik unter Leitung von Prof. Dr. Sebastian Dendorfer erfolgreich um eine Förderung im Programm "INTERREG V-A: Grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Tschechischen Republik und des Freistaates Bayern" (ETZ 2014-2020) beworben. Die Gesamtfördersumme beträgt rund 323.000 Euro.

